Festvortrag 20 Jahre Schlossgesellschaft


Gibt es außerirdische Intelligenz? Was meinen Sie?  
Was würden Sie denken, wenn sich jetzt die Decke abhöbe, ein futuristisches Raumschiff herabschwebte und ein Marsmännchen heraus spränge und sich in der ersten Reihe hinsetzte?
Entsprechend den vielen Filmen und Büchern, die uns prägen dass es uns ausspähen möchte, unsere Vorlieben und Gewohnheiten und dass wir in den nächsten Tagen oder Wochen eine Invasion zu gewärtigen hätten mit dem Ziel, uns zu unterjochen.
Aber ja vielleicht auch, dass die neu kennen zu lernenden Weltbewohner Interesse zeigen am Leben anderer Kulturen als ihrer, dass sie im positiven Sinne wissbegierig und neugierig sind.

Das Interesse an fremden Kulturen und an einer Geschichtsschreibung ist ja gewiss schon alt. Ich darf erinnern an Tacitus' Germania oder an Flavius Josephus Jüdischen Krieg oder an die Römische Geschichte von Sallust oder Cassius Dio. Bewahren des Gewesenen, natürlich nicht zum Selbstzweck, aber immer zur Belehrung, zur Bildung der Nachgeborenen. So wurde mit dem geschriebenen Wort durch die Jahrhunderte, durch die Jahrtausende behutsam umgegangen.

Anders mit dem Stein gewordenen Gedanken. Die Bauwerke der menschlichen Kultur haben keine solche Aufmerksamkeit erhalten. War ihre Zeit vorüber, dann sind sie bestenfalls unbeachtet verfallen. Aber auch in neuem Geist umgebaut, als Reservoir für Baumaterial benutzt oder sogar als Relikt feindlicher Symbolik geschliffen und zerstört. Erst seit etwa 200 Jahren, seit der Epoche der Romantik begann man auch die Bauwerke zu bewahren und als Kulturschatz anzusehen.
Neben den Kirchen und Klöstern kam den Burgen und Schlössern von Anbeginn an besondere Aufmerksamkeit entgegen. Dabei schätzt man die Zahl der mittelalterlichen Burgen im deutschsprachigen Raum auf etwa 19.000. Rund 6.000 Burgen wurden nach dem Mittelalter völlig umgebaut und gelten heute Schlösser, 6.000 sind völlig verschwunden und nur durch Dokumente oder alte Aufzeichnungen identifizierbar und lediglich etwa 6.500 Burgen können in unserer Zeit noch in unterschiedlichen Zustandsformen nachgewiesen werden. 1 Dabei kann "unterschiedliche Zustandsform" auch heißen: Ruine von der Autobahn aus zu sehen.

Dass wir heute hier nicht in einer luftigen Ruine sitzen, meine sehr verehrten Gäste, ist Resultat einer ganzen Reihe von glücklichen Fügungen.

Die Burg Rochelinze, an einer Furt der Mulde auf einem Felssporn erbaut, war über lange Zeit Zentrum der Burgwardschaft, beherbergte Deutsche Kaiser, war erste Baustätte des sächsischen Baumeisters Arnold von Westfalen. Hier ließen sich erste Ritzzeichnungen, vielleicht frühzeitige Comics von Knappen entdecken. Unbestritten ist Rochlitz eine bedeutsame Burg, auch wenn die Gebäude jetzt Schloss genannt werden. Allerdings ist die Bedeutung von Schloss Rochlitz in den letzten Jahrhunderten zurück gegangen: Gefängnis, Gericht, Kindergarten, Mietwohnungen.
Das Schloss Rochlitz wäre in der Bedeutungslosigkeit zersiedelt und verfallen, hätten nicht tatkräftige Männer wie Herr Udo Baumbach als damaliger Museumsdirektor, sein Sohn, Herr Hans Jürgen Köttwitz und andere bereits zu DDR-Zeiten in freiwilligen unbezahlten Arbeitseinsätzen das Ärgste und Schlimmste verhindert. Mit einfachen Mitteln und ohne eine finanzielle Ausstattung habe sie eingefallene Mauern gesichert.
Nach der Wende haben sich unter der Initiative des damaligen Chefarztes der Inneren Abteilung des Krankenhauses Rochlitz, Herrn Privatdozent Dr. Christoph Rink die bisher aktiven und kunstinteressierte Rochlitzer Bürger zusammengefunden und haben am 30.09.1993 die Schlossgesellschaft zu Rochlitz gegründet. Unter anderem waren Gründungsmitglieder Frau Dr. Gisela Diedrich, Frau Siegrun Heyne, Frau Inge Müller, Frau Dr. Sabine Schulze, Herr Dr. Graubner, Herr Wolfram von Birgelen, Familie Dr. Günther, Frau Dr. Ziske und zahlreiche andere.
Das ist jetzt 20 Jahre her. Und so möchte ich mich gerne an dem Spruch orientieren:
Halte ein, wenn es Zeit ist innezuhalten.
Eine Wegstrecke ist geschafft und da mag es uns erlaubt sein, Rückschau zu halten und eine vorsichtige Vorschau.

In den Anfangsjahren hat die Schlossgesellschaft in der "Aktion 55" Arbeitskräfte für den Wiederaufbau beschäftigt. Bis zu 5 geringfügig Beschäftigte arbeiteten für das Schoss Rochlitz. Auf Betreiben von Herrn ……………….. gelang es, dass das Schloss Rochlitz in den Staatsbetrieb Sächsische Schlösser und Gärten aufgenommen worden ist. Damit war der Fortbestand des Rochlitzer Schlosses gesichert. Die Schossgesellschaft konnte sich nun etwas geruhsameren Aufgaben widmen.
In einem Interview aus dem Jahre 1994 sagte der damalige Präsident der Schlossgesellschaft Wieland Graubner über die Aufgaben der Schlossgesellschaft:

"Wir wollen nicht tun, als seien wir die Besitzer des Schlosses, denn das Schloss gehört dem Freistaat Sachsen. Und wir wollen und können auch nicht so tun, als seien wir die einzigen, die etwas für das Schloss tun wollen. Aber wir können unsere Ideen und Gedanken für die Zukunft des Schlosses einbringen."

Neben Vereinsaktivitäten wie der traditionellen Wanderung am ersten Mai zu einem kultur- oder architekturhistorischen Ziel in der näheren oder mittleren Umgebung, neben den in loser Folge veranstalteten "Foyergesprächen", kulturellen Vorträgen in Zusammenhang mit dem Schloss Rochlitz, abgehalten im Foyer oder Ratssaal des Rathauses Rochlitz hat es sich die Schlossgesellschaft zur Aufgabe gemacht, im Rahmen ihrer Möglichkeiten einzelne Stücke für das Schloss zu spenden. So hat die Schlossgesellschaft die Uhr an der finsteren Jupe gespendet. Im Jahr 1999 wurde der Kauf eines handgefertigten Keramikkruges, eines sogenannten Birnenkruges aus dem Jahr 1674 aus den Mitteln der Schlossgesellschaft möglich. Weiterhin spendete die Schlossgesellschaft ein Bleiglasfenster. Vielleicht mag sich der eine oder andere von Ihnen erinnern an die Übergabe der historischen Kassenlade vor zwei Jahren, deren sach- und fachgerechte Restaurierung die Schlossgesellschaft finanziert hatte. Dieses Prachtstück ist nun in der Dauerausstellung zu bewundern.
Die Kultur lag uns immer sehr am Herzen. So hat die Schlossgesellschaft im Jahr 1995 ein Konzert des Kammerensemble der Dresdner Akademie für alte Musik in der Schlosskapelle organisiert. Nach Fertigstellung der Restaurierungsarbeiten trat das Leipziger Vokalensemble Lajuna vor einem Jahr hier in der Fürstenstube auf. Auch die Buchlesung mit Musik zum Buch der Anja Zimmer über Elisabeth von Rochlitz und Konzerte wie "Poesie und Wein bei Kerzenschein" sind inzwischen durchgeführt worden.
In den letzten Jahren ist es uns gelungen, eine kleine aber feine Bibliothek zum Thema Architektur und mittelalterliche Burgen zusammen zu stellen.
Und so finden wir uns jetzt nach 20 Jahren hier in Rochlitz zusammen, als von der Geschichte und für die Geschichte begeisterte, als Bürger der Stadt, die Erinnerung vor dem Vergessen bewahren wollen. Das bedeutet auswählen, das bedeutet sich engagieren und aktiv sein und das bedeutet Verantwortung tragen. In dieser Zeit und mit dieser Zeit.
Genau zu dieser Zeit noch ein kurzer Gedanke: Dass die Zeit sich gewandelt hat, das ist uns allen bewusst. Aber auch der Geschichtsbegriff ist in dieser Zeit einem Wandel unterlegen. Geschichtswissen als präsentes Wissen, als Wissen für Entscheidungen der Gegenwart. Geschichtswissen nicht mehr als Faktenwissen welcher Fakten auch immer, sondern als kategoriales Wissen, als prozessuales Wissen und als strategisches Wissen, das interessant ist, das sich zu Bildern zusammenfügt und das übertragbar und anwendungsbereit auch heute ist. In diesem neuen Geschichtsverständnis ist die neue Dauerausstellung erarbeitet. In diesem neuen Geschichtsverständnis wird die Sonderausstellung im nächsten  Jahr erscheinen. Und für diese Ausstellungen sowie für den neuen Schlossführer, der überaus lesenswert ist, der Lust auf den Besuch der Ausstellung und Lust auf mehr macht, dafür sei allen Beteiligten, vor allem aber Herrn Knierriem, Frau Schwarze und Herrn Schmidt eine überaus herzliche Gratulation ausgesprochen.

Die Schlossgesellschaft zu Rochlitz sieht sich mit ihren Aktionen in der Mitte und als Teil der Stadt Rochlitz,
Spenden von Projekten,
Vorträge in der Öffentlichkeit der Stadt und
Musikveranstaltungen.
Seit einem Jahr haben wir auch eine Homepage. Damit diese Homepage einen Mehrwert auch für Außenstehende hat, bieten wir die Schriften von Clemens Pfau in digitalisierter Form unter www.schlossgesellschaft-rochlitz.de an. Bei der Fülle der Schriften dieses ehemaligen Schlossdirektors und Heimatforschers ist dies ein fortlaufender Prozess.

Hinweisen möchte ich in diesem Zusammenhang auf unser neues Großprojekt:
Nach über zehn Jahren findet im Schlosshof des Rochlitzer Schlosses wieder ein Sommerkonzert open air statt: Das Abschlusskonzert der Sächsischen Chor- und Instrumentalwoche mit Beethovens Violinkonzert D-Dur opus 61 und dem Magnificat von John Rutter.

Um das Verrinnen der Zeit gut zu verkraften muss man Glück haben  -  und ein bisschen Philosoph sein.
Das Denken macht die Größe des Menschen aus. (Blaise Pascal)
Wenn unser Marsmännchen in der ersten Reihe das alles gehört und gesehen hat, dann wird es einen winzig kleinen aber  eben einen Eindruck von unserer Kultur bekommen haben. Und es wird dann ganz sicher keine Invasion der Marsmenschen bei uns geben. Es wird jetzt nur sicherlich etwas hungrig sein.

Erfolg heißt nicht nur viel Geld oder einen Marathon gewinnen, viel erfolgreicher bist du, wenn du anderen Menschen glücklich machst.

Danke für Ihre Aufmerksamkeit.